Archiv für Juni 2014

Eine nationale Psychose

    Eindrücke zur laufenden Fußball-WM:

Deutschland, Juni 2014. Die Fußball-WM in Brasilien hat angefangen.
Fahnen. Überall. Selbst der Pflegedienst macht sie sich ans Auto. Die Polizei zeigt auch Flagge. Jetzt darfst du das zeigen, was du schon die ganze Zeit denkst: Stolz zur Nation. Jetzt ist es erlaubt.
Public-viewing. Man fühlt sich mit Menschen verbunden, die man sonst nicht mal anschauen würde, liegt sich mit ihnen in den Armen, wenn „WIR“ ein Tor schießen. Wenn WIR verlieren, trauert man gemeinsam. Wer sonst nichts im Leben hat, worauf er stolz sein kann, ist eben auf Deutschland stolz. Das wird man ja wohl noch sein dürfen.
Lohnarbeit. Als Lebensinhalt. Demütigung. Kein Bock. Erniedrigung. Konkurrenz. Hauptsache Arbeit. Für wen und für was? – egal. Das ganze Jahr ist das meiste scheiße in meinem Leben. Schuld sind die Anderen. Scheiß Staat. Die da oben. Ich kann ja eh nichts ändern. Doch, eines kann ich ändern: den Sender beim Fernsehen. Natürlich Flatscreen. Man geht ja schließlich arbeiten – das zeigt man. Auto. Fernseher. Fahnen. Dafür ist immer Geld übrig. Die Nation ist geil – jetzt zur WM.
Plastikmüll, erhöhter Spritverbrauch – egal. Eine Fahne reicht oft nicht – wieso nicht noch den Außenspiegeln eine Jacke anziehen? Überheblichkeit. Geschmacklos. Dummdeutsch. Schwarz rot geil.
Multikulti im Nationalteam. Naja, wenn sie ihre Leistung bringen, darf das sein. Aber wehe ein Spieler mit „nicht-deutschen“ Eigenschaften bringt schlechte Leistungen. Da gibt es doch bestimmt einen „echten Deutschen“, der das besser gemacht hätte.
Brasilien. Regenwald für deutsches Team gerodet und darauf ihr Quartier gebaut. Egal, ist ja für einen guten Zweck. Saufen für den Regenwald. Fußball verbindet nämlich. Patronenkugel mit Mensch. Proteste der Bevölkerung. Blutig niedergeschlagen. Viele Menschenleben hat die FIFA auf dem Gewissen – auch Kinder wurden ermordet. Der Ball rollt. Die Kugeln aus den Gewehrläufen auch. Aber egal – lieber nicht näher recherchieren, es könnte einem ja die gute Patriotismusstimmung vermiesen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
Nationalismus? Nein, niemals. Ich doch nicht. Das war doch das mit Hitler und so. Etwas Patriotismus kann doch nicht schaden. Man ist ja wieder wer. Das feiert man. Ist ja schließlich in allen Nationen so.
Vergangenheit? Ach das ist doch lange her. Längst vorbei. Kann ich doch nichts dafür. NPD. Ach, die paar Spinner. Ungefährlich. Rostock, Hoyerswerda, NSU? Nur paar Durchgeknallte.
Bier. Hirnbetäubung. Aber nur Fünf. Morgen früh wieder arbeiten.
Kollegen. Man will ja schließlich mitreden. Hast du das Spiel gesehen? Klar.
Frauen. Naja, sind halt dabei. Ahnung können die ja nicht haben. Geh mal ein Bier holen. Randgestalten. Fußball ist und bleibt Männersport.
Vier zu null gegen Portugal. Schön geht´s los. Bestätigung. Ich wusste, dass WIR das schaffen. Noch mehr Fahnen kaufen.
Gibt´s jetzt überall. Scheint normal zu sein.
Sind ja nur drei Farben.
///

Verfasser: Andi Autorij

http://www.tagesspiegel.de/images/heprodimagesfotos8512011111419421680-jpg/5832150/5-format43.JPG